Trump steht unter Beschuss, weil er Grönland annektieren will. Der Vorwurf: skrupelloser US-Imperalismus, der aus Profitgier ärmere Länder ausbeutet. Dabei wollen sich sämtliche Großmächte an der Insel bereichern.
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Trump steht unter Beschuss, weil er Grönland annektieren will. Der Vorwurf: skrupelloser US-Imperalismus, der aus Profitgier ärmere Länder ausbeutet. Dabei wollen sich sämtliche Großmächte an der Insel bereichern.

Entdeckt wurde Grönland im Jahr 982 vom Wikinger Erik der Rote, Vater des Amerikaentdeckers Leif Eriksson. Um die Insel attraktiver für Siedler zu machen, gab er ihr – entgegen der klimatischen Realität – den Namen „Grönland“, was übersetzt „Grünland” oder „grünes Land“ bedeutet.
Danach geriet die Insel über Jahrhunderte in Vergessenheit. Erst im 18. Jahrhundert reiste der norwegisch-dänische Priester Hans Egede nach Grönland, um verbliebene Wikinger zu missionieren, traf jedoch vor allem auf die einheimischen Inuit. In der Folge gelangte Grönland unter die Kontrolle der dänischen Krone, da Norwegen zu dieser Zeit mit Dänemark verbunden war.
Im Zweiten Weltkrieg war die Insel – abgesehen von der Errichtung einiger Wetterstationen vonseiten der Wehrmacht – größtenteils irrelevant. Im Kalten Krieg wurde Grönland militär-strategisch bedeutender: die USA errichtete dort die Militärstation „Thule Air Base“ (heute „Pituffik Space Base“). Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verringerte die USA ihre militärische Präsenz auf Grönland.
Jetzt wird die Insel militärisch und wirtschaftlich wieder bedeutender. Grund dafür ist auch der Klimawandel.
Das Eis in der Artkis schmilzt allmählich und das Nordpolarmeer kann jetzt schon im Sommer über weite Strecken ohne Eisbrecher befahren werden. Das eröffnet neue Seefahrtswege für den Handel zwischen Amerika und Asien.
Bisherige Handelswege zwischen der nordamerikanischen Ostküste, Europa und China führen oft durch den Suezkanal und das Rote Meer.
Wirtschaftlich und politisch instabile Länder wie Ägypten haben entlang dieser Engpässe großen Einfluss. Hinzu kommt die Bedrohung der Schifffahrt durch Piraterie vor der Küste Somalias und die Bedrohung durch die Huthi-Rebellen im Jemen. Die bisher einzige alternative Route, um dieser Gefahr zu entgehen, führt am Kap der Guten Hoffnung vorbei, was den Seeweg erheblich verlängert.
Die neuen Routen über das Nordpolarmeer– die alle direkt an Grönland vorbeiführen – werden für den internationalen Seehandel immer interessanter, womit die Kontrolle der Insel nicht nur für die USA an extremer Bedeutung gewinnt.
Auch ein zweiter wirtschaftlicher Aspekt wird durch die Schmelze des Eises relevanter. Grönland verfügt über viele seltene Erden und Metalle wie Neodym, Niob oder Ytterbium, die für Elektromotoren und Lasertechnik gebraucht werden.
Allein die grönländischen Vorkommen dieser Ressourcen (ca. 1,5 Millionen Tonnen) können den weltweiten Bedarf – für etwa E-Autos und Windkraftanlagen – für 150 Jahre decken. Bisher war die Insel kaum wettbewerbsfähig, weil ihr Abbau durch die Eisschicht erschwert wurde. Durch die klimawandelbedingten Erwärmung ändert sich das gerade.
Bergbauprojekte in Grönland sind deshalb nicht nur für die USA, sondern für auch für die Wirtschaftsmächte China, Russland und EU interessant.
Im südgrönländischen Kvanefjeld gibt es etwa ein Bergbauprojekt, an dem neben Grönland, amerikanischen und australischen Investoren auch das chinesische Unternehmen „Shenghe Ressources“ beteiligt ist.
Das passt vor allem der EU nicht. Also hat sie 2023 eine Rohstoffpartnerschaft mit Grönland geschlossen, um sich von China nicht abhängen zu lassen. Die Europäische Union übt hier für den eigenen Profit nicht weniger imperialistische Kontrolle auf die Insel aus, als Russland, China und die USA.
Trump begründet seine Forderung, Grönland zu annektieren, auch damit, dass er die Insel für das Raketenabwehrsystem „Golden Dome“ braucht. Völlig von der Hand weisen, lässt sich das nicht.
Momentan kann die NATO die GIUK-Lücke – die sich über das Seegebiet zwischen Grönland, Island und dem Großbritannien erstreckt – militärisch schwer, etwa gegen Russland, verteidigen. Ein Problem, das Trump mit der US-Annektion beseitigen will. Zusätzlich führt der direkte Weg für russische Langstreckenraketen nach Amerika über die Arktis und oft auch über grönländischen Luftraum.
Trotzdem: Die Möglichkeit, die Luftabwehr auf der Insel auszubauen und mehr Soldaten zu stationieren, hatte die USA bereits seit dem Kalten Krieg. Vermutlich ist der militärische Grund also eher ein Vorwand, um von dem wirtschaftlichen Kerninteresse abzulenken.
Keine Frage: Das Auftreten der USA in der Grönland-Affäre und Trumps explizite Forderung, die gesamte Insel zum amerikanischen Staatsgebiet zu erklären, kann nur als Imperialismus bezeichnet und scharf kritisiert werden.
Die europäischen Politiker, Medien und Moralapostel, die Trump gerade eine skrupellose Menschenfeindlichkeit durch die wirtschaftliche Ausbeutung eines hilflosen Landes vorwerfen, sollten in ihrer Kritik trotzdem vorsichtig sein.
Denn auch die Europäische Union hat Erfahrung, was militärische Interventionen fremder Länder aus wirtschaftlichen Interessen angeht – nicht nur vor dem ersten Weltkrieg, sondern auch in jüngster Geschichte.
Die militärische Intervention der EU 2011 im Libyenkrieg gegen das Gaddafi-Regime wurde zwar offiziell mit dem Schutz der Zivilbevölkerung begründet, tatsächlich standen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Libyen verfügt über die größten Ölreserven Afrikas, deren Sicherung war auch europäischen Mineralölkonzernen wie dem französichen Konzern “TotalEnergies” oder dem italienischen Energiekonzern “Eni” wichtig.
Aber auch das EU-Mitglied Dänemark hat keine weiße Weste, was den moralischen Umgang mit Grönland angeht. So führte die dänische Regierung in den 1960ern und 70ern eine grausame Zwangssterilisationskampagne an Mädchen und jungen Frauen durch. Der weiblichen Bevölkerung, teilweise 12-jährigen Mädchen, wurden ohne deren Zustimmung zu große Spiralen eingesetzt, die nicht selten zur Unfruchtbarkeit führten. Eine Entschuldigung kam erst 2025 von der dänischen Ministerpräsidentin.
Die Grönländer selbst hegen nicht nur ein Ressentiment gegen die USA, sondern auch gegen die Dänen. Die überwältigende Mehrheit der Grönländer strebt eine Unabhängigkeit an: von den fünf großen grönländischen Parteien favorisiert lediglich eine den Verbleib im dänischen Königreich. Das Argument, dass Trump hier also europäisches Staatsgebiet für sich beanspruchen will, ist faktisch korrekt, verkennt aber den Willen der Grönländer, als eigenständiger Staat anerkannt zu werden.
Nochmal: Ein moderner Imperialismus, wie ihn Trump ganz offen zur Schau stellt, ist kritisierbar. Zugleich spricht er damit lediglich ein Vorhaben aus, das alle internationalen Großmächte verfolgen – nur eben meist hinter vorgehaltener Hand.
Fakt ist: Es geht in diesem Konflikt nicht um die Bürger- und Menschenrechte der Grönländer, sondern um wirtschaftlichen Profit. Sämtliche Großmächte reißen sich um die Insel, auch die EU. Als moralische Instanz kann sie in dieser Affäre also kaum bezeichnet werden.
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