Das woke Publikum zerstört gerade das Theater. Während sich die alten Männer noch beleidigen ließen, stürmen woke Zuschauer bei provokanten Inszenierungen die Bühne und gehen auf Schauspieler los. Eine Abrechnung.
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Das woke Publikum zerstört gerade das Theater. Während sich die alten Männer noch beleidigen ließen, stürmen woke Zuschauer bei provokanten Inszenierungen die Bühne und gehen auf Schauspieler los. Eine Abrechnung.

Als ich Ende der Neunziger bei Jürgen Flimm in Hamburg studierte, saß ich praktisch jeden Abend im Theater. Schauspielhaus, Thalia, manchmal beides hintereinander. Unter uns Studenten gab es ein kleines, immer wiederkehrendes Lamento: dieses Publikum. Die grauen Köpfe. Die Silberrücken der bürgerlichen Hochkultur. Reihenweise ergraute Intelligenz in den roten Samtsesseln. Geschniegelt, gebildet, vermutlich liberal-konservativ. Kurz: alles, was man mit Anfang zwanzig uncool findet.

Wir wollten etwas anderes. Ein jüngeres Publikum. Wilder. Politischer. Mehr Punkrock, weniger Kanon. Rückblickend war das der übliche Größenwahn der Jugend.
Jürgen Flimm sah das nüchterner. Er sagte einmal in einem Seminar, halb belustigt, halb ernst: Das Publikum im Thalia und im Schauspielhaus weiß mehr über Theater als wir. Er meinte das nicht ironisch. Diese Leute hätten in ihrem Leben achthundert, neunhundert Aufführungen gesehen, Jahrzehnte Theatergeschichte im Kopf. Sie hätten Inszenierungen verglichen, Schauspielerkarrieren verfolgt, ästhetische Moden kommen und gehen sehen.
Wir dagegen seien – und da schloß er sich selbst mit ein – blutige Anfänger. Flimm nannte sie die eigentlichen Profis. Und er hatte recht.
Man konnte es beschimpfen, belehren, verstören. Man konnte es provozieren – und es kam trotzdem immer wieder. Und dachte mit. Als Klaus von Dohnanyi einmal bei einer Thalheimer-Inszenierung von Liliom empört rief: „Dieses Stück kann man doch auch anständig inszenieren!“, war das kein Skandal. Es war Theaterkultur. Es war der Kickstart für die Karriere von Michael Thalheimer.

Das alles ist noch gar nicht so lange her. Heute sitzen dort andere. Der Traum meiner Generation ist auf eine fast gruselige Weise in Erfüllung gegangen: weniger silbergraue Köpfe, mehr Gegenwart, mehr politisches Engagement, mehr moralische Energie. Nur leider auch: deutlich weniger Kunstverständnis.
Arthur Schnitzler hat darüber schon vor über hundert Jahren ein Stück geschrieben: Der grüne Kakadu. Es spielt am Vorabend der französichen Revolution und handelt von einem Publikum, das Spiel und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten kann.
Dieses Stück ist mir besonders präsent. Im dritten Semester inszenierte ich es einmal als Studentenarbeit an der Hochschule – ein Projekt, das Jürgen Flimm betreute. Wir lasen das Stück damals als Parabel. Die Vorstellung, dass ein Publikum einmal ernsthaft einen Schauspieler attackieren könnte, weil er eine Rolle spielt, erschien mir vollkommen absurd.
Man konnte das kürzlich in Bochum beobachten. Dort versuchten Zuschauer, einen Schauspieler von der Bühne zu jagen, weil er einen Faschisten spielte. Man muss den Satz zweimal lesen, um ihn zu glauben: Ein Schauspieler wird attackiert, weil er eine Rolle spielt.
Noch interessanter ist allerdings, dass die Verwirrung nicht nur im Publikum herrscht. Bei Milo Raus sogenanntem „Prozess gegen Deutschland“ am Hamburger Thalia übernahm „Welt“-Autor Frederik Schwilden die Rolle eines Verteidigers. Eine Theaterrolle. Und dennoch berichtete die „Zeit“, dass sich Mitarbeiter des Hauses im Flur „unwohl“ fühlten, wenn sie ihm begegneten, weil er auf der Bühne rechtsextreme und rechtspopulistische Positionen verteidigt hatte.

Was mich an dieser Episode allerdings wirklich verstört hat, ist etwas anderes. Nicht das, was auf der Bühne gesagt wurde. Sondern die Psychologie, die dadurch sichtbar wurde. Plötzlich war von „Verletzung“ die Rede. Von „Eindringlingen“. Davon, dass das Theater „beschmutzt“ worden sei, weil politische Gegner dieselben Garderoben benutzt hätten.
Dann gibt es noch den pakistanischen Influencer Feroz Khan, der im Deutschland-Prozess die AfD verteidigte und deswegen von linken Bildungsbürgern rassistisch beleidigt wurde. Ausgerechnet im Land der historischen Tätergesellschaft inszeniert sich ein saturiertes linksliberales Milieu als bedrohte Minderheit – weil ein Migrant die falsche Meinung hat.
Diese Form der Selbstviktimisierung hat etwas Merkwürdiges. Sie folgt einer Logik, die man inzwischen aus sozialen Netzwerken gut kennt: Eine moralische Gemeinschaft stabilisiert sich, indem sie regelmäßig einen symbolischen Feind markiert. Der Konflikt dient weniger der Klärung als der Selbstvergewisserung.
Der Anthropologe René Girard hätte daran vermutlich seine Freude gehabt. Denn sobald die moralische Erregung erst einmal zirkuliert, sucht sie nach einem Träger. Irgendjemand muss schließlich die Rolle des Bösen übernehmen, damit sich die Gemeinschaft im Spiegel ihrer Empörung erkennen kann.

Im Theaterbetrieb erfüllt heute oft genau diese Figur die Funktion des Girardschen Sündenbocks: der „Rechte“. Dabei verschwimmen die Begriffe zunehmend. „Rechts“, „rechtsradikal“, „rechtsextrem“ – im Kulturbetrieb wird das längst synonym verwendet.
Doch genau diese begriffliche Verwahrlosung ist politisch brandgefährlich. Wenn alles rechtsradikal ist, ist am Ende nichts mehr unterscheidbar. Und genau so treibt man Liberale, Konservative und bürgerliche Wähler in die Arme der AfD – ein Effekt, den man seit Jahren beobachten kann.
Besonders grotesk wird diese moralische Dramaturgie, wenn sie auf Menschen mit Migrationshintergrund trifft. Nach außen versteht sich das Milieu als Speerspitze des Antirassismus. Doch im Umgang mit Figuren wie Feroz Khan, zeigt sich ein alter linker Reflex: der „Rassismus der niedrigen Erwartungen“. Der Migrant wird nicht als politischer Gegner behandelt, sondern als moralischer Skandal.
Ich kenne dieses Milieu als Migrantentochter gut genug, um zu sagen: Diese gutgemeinten „niedrigen Erwartungen“ sind oft demütigender als offener Rassismus. Denn: Diese positive Diskriminierung entsteht aus dem Gefühl heraus, sich moralisch überlegen zu fühlen.
Vielleicht erklärt das auch, warum das Theaterpublikum sich so verändert hat. Das alte Publikum war gebildet genug, sich beleidigen zu lassen. Das neue Publikum ist moralisch genug, sich bestätigt fühlen zu wollen. Das ist ein Unterschied.
Die alten Silberrücken in den roten Samtsesseln hatten etwas, das heute selten geworden ist: Gelassenheit gegenüber Kunst. Sie wussten, dass Theater ein Ort der Rollen ist – nicht der moralischen Bekenntnisse. Dass Figuren Dinge sagen dürfen, die Menschen nicht sagen würden. Dass Provokation kein moralischer Unfall ist, sondern ein ästhetisches Mittel.
Wir jungen Leute damals hielten sie für verstaubt. Heute erscheinen sie mir wie eine ausgestorbene Spezies. Und ich fürchte, wir haben sie erfolgreich vertrieben.
Intelligence has left the building. Die Doppelmoral ist geblieben.
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